Eine Erklärung aus psychologischer Sicht
In der Beratung hört man häufig Sätze wie: „Ich weiß, dass es mir nicht guttut, aber ich tue es immer wieder“ oder „Ich verstehe, was mit mir geschieht, aber ich schaffe es nicht, mich zu ändern“. Von außen – und oft auch von einem selbst – werden diese Wiederholungen meist als mangelnder Wille, Unreife oder Widerstand gegen Veränderungen interpretiert.
Die Psychologie erklärt die Wiederholung von Mustern jedoch als ein viel komplexeres Phänomen, das mit Lernen, emotionaler Regulation und der Funktionsweise des Gehirns zusammenhängt.
Das Gehirn lernt durch Wiederholung, nicht durch Logik
Aus neuropsychologischer Sicht priorisiert das Gehirn die Effizienz. Was sich über die Zeit wiederholt, besonders wenn es einen adaptiven Wert hatte (auch wenn dieser in der Vergangenheit lag), wird in Form von neuronalen Schaltkreisen gefestigt.
Diese Schaltkreise werden nicht aktiviert, weil sie „gut“ sind, sondern weil sie bekannt und vorhersehbar sind.
Deshalb garantiert das rationale Verständnis, dass uns etwas nicht guttut, keine Veränderung. Verhaltensänderungen hängen nicht nur vom präfrontalen Kortex (Vernunft) ab, sondern auch von tieferen emotionalen Systemen, die an Überleben und Sicherheit beteiligt sind.
Muster als gelernte Strategien
Viele sich wiederholende Muster hatten zu einem bestimmten Zeitpunkt in der persönlichen Geschichte einen Sinn:
Konflikte vermeiden, um die Bindung aufrechtzuerhalten.
Sich überanpassen, um Akzeptanz zu erhalten.
Kontrolle ausüben, um Angst zu reduzieren.
Bekannte Beziehungen wählen, auch wenn sie schädlich sind.
Aus dieser Perspektive ist das Muster kein Fehler, sondern eine gelernte Strategie, die ursprünglich eine regulierende Funktion erfüllte. Das Problem entsteht, wenn diese Strategie nicht mehr nützlich ist, das System aber weiterhin automatisch darauf zurückgreift.
Die Rolle von Bindung und emotionalem Gedächtnis
Die Bindungstheorie liefert einen grundlegenden Schlüssel: Ein Großteil unserer Beziehungsmuster organisiert sich aus internen Arbeitsmodellen, die in den ersten bedeutsamen Beziehungen aufgebaut wurden.
Diese Modelle sind keine bewussten Überzeugungen, sondern emotionale Schemata, die die Wahrnehmung, das Verhalten und die Erwartungen an andere leiten.
Das emotionale Gedächtnis – im Gegensatz zum narrativen Gedächtnis – lässt sich nicht allein durch neue Informationen verändern. Es benötigt im Laufe der Zeit wiederholte korrigierende emotionale Erfahrungen, um sich neu zu organisieren.
Warum der Wille nicht ausreicht
Der Wille wirkt kurzfristig. Muster hingegen werden aufrechterhalten durch:
Emotionale Automatismen.
Intermittierende Verstärkung.
Mechanismen zur Vermeidung von Unbehagen.
Angst vor Veränderung und dem Unbekannten.
Wenn ein Verhalten Ängste oder emotionalen Schmerz kurzzeitig lindert, verstärkt das Gehirn es, auch wenn es langfristig Leid verursacht. Dies erklärt, warum Veränderungen nicht einfach durch „Wollen“ geschehen.
Psychologischer Wandel: Bewusstsein, Regulation und Wiederholung
Aus therapeutischer Sicht umfasst echter Wandel drei Ebenen:
Bewusstsein: Das Muster und seine Funktion identifizieren.
Emotionale Regulation: Lernen, das Unbehagen auszuhalten, das auftritt, wenn das Muster nicht wiederholt wird.
Neue Erfahrungen: Andere Reaktionen wiederholen, bis sich neue Schaltkreise konsolidieren.
Dieser Prozess erfordert Zeit, Begleitung und einen sicheren Kontext. Es ist kein Akt der Willenskraft, sondern ein emotionales Umlernen.
Fazit
Das Wiederholen von Mustern ist weder eine Schwäche noch ein Mangel an Engagement für Veränderung. Es ist der Ausdruck dessen, wie das psychologische System versucht, sich mit den gelernten Werkzeugen zu schützen.
Dies zu verstehen rechtfertigt kein Leid, ermöglicht aber einen rigoroseren, mitfühlenderen und effektiveren Umgang damit.
Literaturverzeichnis
Bowlby, J. (1988). A Secure Base: Parent-Child Attachment and Healthy Human Development. Routledge.
Siegel, D. J. (2012). The Developing Mind. Guilford Press.
van der Kolk, B. (2014). The Body Keeps the Score. Viking.
LeDoux, J. (1996). The Emotional Brain. Simon & Schuster.
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